Straßenbilder im Turm

Holger Klein fragte neulich per Twitter:

Frage an die ehemaligen DDR-Bürger: In welchem Maße ist “Der Turm” authentisch?

Und ich dachte spontan an viele Diskussionen, die ich in den Tagen nach dem Film sowohl mit Freunden als auch mit meiner Familie hatte. In einem dieser Gespräche wurde ein Detail im Szenenbild moniert, und zwar dass die dargestellten Straßenzüge allesamt verfallen, runtergekommen und schwarz aussähen. Und das diese Darstellung wohl eine unzulässige Verkürzung der Wirklichkeit gewesen wäre, weil zum einen zu pauschal, und zum anderen der Schwerpunkt im Film eben zu sehr auf diesen Verfall gelegt wurde, der selbst Ende der 80er nicht so allumfassend gewesen sei, und dies schließlich auch nicht als Bild für die gesamtgesellschaftliche Situation taugen würde.

Diese Kritik fand ich zunächst abwegig, gerade für die im Film gezeigten Altbauviertel. Dann aber hatte ich neulich Abend, im halbwachen Zustand, eine sehr plastische Erinnerung an mein Elternhaus, Mitte der 80er Jahre. Ein roter Klinkerbau im Westviertel von Jena, an einer belebten Straße. Der VEB Gebäudewirtschaft lässt gerade die Fassade unseres Hauses reinigen, ich sehe das Gerüst vorm Haus, und eine schwarze Flüssigkeit, die durch die nicht ganz dichten Fenster nach innen auf die weißen Fensterbretter läuft. Dann erinnere ich mich an die greifbare Schönheit unserer Straße, an das leuchtende Rot der Klinker, an die wankenden Belagionen vor den Fenstern, an den Sommer, und meine sehr bunte und helle Kindheit.

Vermutlich sollen die Straßenzüge im Film die Dresdner Neustadt darstellen, und sicherlich war die Situation hier viel eklatanter als in Jena. Aber so pauschal stimmt das Bild in Der Turm also wirklich nicht, und kann also auch nicht als Blaupause für die Situation in der gesamten DDR herhalten. Und hier ist der Widerspruch zum Feuilleton, das immer wieder sehr bemüht ist darin zu betonen, wie authentisch dieser Film insgesamt wäre. Endlich könnten auch Nicht-DDR-Bürger mal sehen, wie es wirklich war. Und für einen Film ist dies nicht nur ein sehr hoher Anspruch, wie ich finde, sondern schlicht unmöglich.

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Spielzeuge

Hätte ich auch gern. Was für unglaubliche Möglichkeiten! Zum Beispiel für das No-budget Musikvideo, mal mit anderen Perspektiven.

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